Toucan sur Mer
comments 2

L‘ etrille s’excuse

Wir haben so einiges an diesem Brüsseler Abend nicht gleich gemerkt. Dass der Krebs unentschuldigt fehlte. Dass die erzählwütige Frau am Nebentisch sich munter an unserer Weinflasche vergriff. Dass eine rohe Miesmuschel vielleicht doch keine so gute Idee ist und keiner mehr als 15 Meeresschnecken binnen drei Stunden verspeisen kann.

Ein Abend im Toucan sur Mer

Dabei hatte der Abend im Toucan sur Mer mit beachtlich hoher Aufmerksamkeit begonnen. Jede vorab online betrachtete Speise wurde schon beim Apéritif in der OenoTK  genauestens analysiert und diskutiert. Jedes Einrichtungsdetail der freundlich-maritimen Atmosphäre des Restaurants registriert. Und nun, auch die vielen verstohlenen Blicke auf die Nachbarstische und ihre in beeindruckender Zahl angetretenen Meeresfrüchteplatten sprechen doch für eine hohe Konzentration auf die Sache.

Das Schwinden der Aufmerksamkeit und damit auch die Ignoranz gegenüber unentschuldigten Abwesenheiten war in der Rückbetrachtung nicht alleine der schönen Gesellschaft geschuldet. Denn auch von der wunderbaren Vorspeise, Tartare d‘Avocats aux Crevettes Grises et Pamplemousse, konnte man wahrhaft abgelenkt sein. So abgelenkt übrigens, dass die übrigen auf dem Tisch anwesenden Vorspeisen das Kurzzeitgedächtnis nach allerkürzester Zeit wieder verließen.

Viel Tamtam für die Meeresfrüchte

Die Hauptspeise dann vernebelte die Aufmerksamkeit wohl gänzlich: Mit großen Tamtam hielt die Meeresfrüchteplatte in der Ausführung für vier Einzug auf unserem Tisch. Angesichts der durchaus beachtlichen Menge roher Meeresbewohner stürzten wir uns zunächst auf Altbewährtes: Garnelen und Crevetten, kleine und große Austern. Dann aber ging die Reise weiter zu einer erstaunlichen Zahl unterschiedlicher Muschelsorten: Clames und Praires lagen hier neben Palourdes und Amandes.

Fantastisch! Die rohen Miesmuscheln und ihr kräftig-rotes Fleisch fanden wir eher gewöhnungsbedürftig, ausgewiesene Liebhaber suchten sie daher in unserer Runde vergeblich. Eine Amour fou hingegen entwickelten wir mit den Meeresschnecken, Bigorneaux und Bulots. Ob die Zuneigung ihren Ursprung allerdings im Eiweiß-ähnlichen Geschmack, der bezaubernden Form oder dem zarten „Plopp“-Geräusch beim Auslösen hatte, konnte spätestens nach der zweiten Flasche Wein nicht mehr abschließend geklärt werden.

Moment mal. Der Wein gehört uns.

Denn dass sich die eingangs erwähnte Madame an unserer Flasche Menetou-Salon „Le clos de pressoir“ von Joseph Mellot vergreifen wollte, könnte durchaus an dem leckeren Tropfen liegen. Oder vielleicht daran, dass es auch mit ihrer Aufmerksamkeit nicht mehr zum Allerbesten stand. Unser Nachtisch zwischen Eton Mess und Mousse au Chocolat dann war anständig, aber geben wir es zu: Nach dem Meeresfrüchte-Haufen nicht mehr unbedingt eine längere Erinnerung wert. Erinnern werden wir uns aber an die hohe Qualität der Speisen (zu leider nicht unbedingt niedrigen Preisen), die überaus aufmerksamen Kellner und die schöne Atmosphäre.

Erst als wir den Abend ausklingen ließen, fiel übrigens in der abschließenden Betrachtung der Speisekarte auf, dass uns die Etrilles, also die Krebse, leider vorenthalten wurden.

Aber vermisst haben wir sie eigentlich nicht.

Fremde Federn: Vielen Dank an Christiane, die mit uns das Meeresgetier genossen und als kleines Andenken diesen Text verfasst hat.

2 Comments

Besser mal die Meinung sagen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s